Die Ausrufung eines neuen Erdzeitalters als Besinnung

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Wenn es denn eine göttliche Aufgabe des Menschen gewesen sein sollte, sich die Erde untertan zu machen, kann der christliche Gott seinen Schützlingen nur ein „ungenügend“ ins Zeugnis schreiben. Der Austritt des Menschen aus dem natürlichen Kreislauf einer vorindustriellen Wirtschaft und das mit diesem Austritt verbundene Initial der industriellen Revolution hat zwar das Antlitz der Erde fundamental verändert.
Aber nicht zu ihrem Besten. Und auch nicht unbedingt und ausschließlich zum Besten der „Revolutionäre“.

„EINE DURCH UND DURCH BESCHÄDIGTE WELT“

Die Zivilisation, jenes filigrane Ineinanderwirken vornehmlich von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, ursprünglich geschaffen als kühnes Bollwerk gegen die Widrigkeiten der Natur, das Leben und Arbeiten der Menschen erleichternd und sichernd, bilanziert Wirkungen, an deren Ende sich die Spezies selbst mit „einer durch und durch beschädigten Welt“ (Anthony Giddens) konfrontiert sieht. Und diese Beschädigungen durch die zivilisatorisch planetarische Wirkmacht der menschlichen Gattung schlagen sich in stratigraphisch fassbarer Form nieder. Und genau dieser dokumentierte Niederschlag in den Sedimenten des Planeten ist Ausgangspunkt jener seit einigen Jahren unter den Experten der „International Union of Geological Sciences“ (IUGS) heftigst diskutierten Frage der Benennung einer erdzeitlichen Epoche nach dem Menschen. Denn entgegen der Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema in Büchern und Aufsätzen speziell in den letzten Jahren  ist das Anthropozän wissenschaftlich beileibe noch nicht etabliert. Das könnte sich durch einen unlängst von einer Arbeitsgruppe der IUGS vorgelegten Bericht, der vom Anthropozän als einer geologischen Realität handelt, ändern.

Denn seitdem der Einfluss des Menschen auf die Erde exponentiell wächst, hinterlässt er auch Spuren in den Schichten des Planeten, schlägt sich nieder in der geologischen Realität. Als Beschleuniger der Niederschläge gelten oberirdische Atombombentests, nukleare Katastrophen à la Tschernobyl und Fukushima, sich durch die Art unseres Wirtschaftens selbst dynamisierender Abbau und Verbrauch von Erdöl und Kohle, Kunstdünger in der Landwirtschaft, großräumige Perturbationen der Kreisläufe etwa von Kohlenstoff , Stickstoff oder Phosphor, Vermüllung der Ozeane sowie Ablagerung von Flugasche, Aluminium-, Beton- und Plastikpartikel in den Sedimenten etc.

WAS IST DER SINN DER ERDE?

Die Bilanz: so weit, so schlecht. Eine der offenen Fragen im Zusammenhang der Expertendiskussion ist der Beginn des neuen erdgeschichtlichen Zeitalters: Mit Wirkung welchen Datums wäre der Beginn des Anthropozäns zu verorten? Etwa die Jungsteinzeit mit der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht?
Oder das Zeitalter der europäischen Industrialisierung mit dem Anstieg der CO2 -Werte durch fossile Energieträger?
Nicht zu vergessen als starkes Eckdatum nahe unserer Gegenwart: das Jahr 1945 mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.
Exakt mit der Beantwortung dieser Frage verbunden freilich ist nicht nur ein geowissenschaftlicher Diskurs. Jede mögliche Antwort birgt politisch genauso Sprengkraft wie moralisch. Und letztlich geht es nicht zuletzt auch philosophisch zum Beispiel um die Beantwortung jener essentiellen Frage, die Friedrich Nietzsche seiner Figur des Zarathustra in den Mund gelegt hatte: „Was ist der Sinn der Erde?“ Mit der Beantwortung einer Frage, auch der Frage nach dem Sinn der Erde oder der nach dem Beginn des Anthropozäns, übernehmen wir immer auch Verantwortung. Das suggeriert bereits die Ähnlichkeit der Begriff e. Wir stehen persönlich ein für eine Antwort. Zumindest solange, bis die Realität unsere Antwort überholt hat, wir mit einer neuen Frage und damit einer neuerlichen Entscheidung konfrontiert sind. Wenn wir antworten, entscheiden wir uns nämlich auch. Für eine mögliche Antwort und gegen eine andere mögliche Antwort. Und speziell mit der Entscheidung für ein bestimmtes Datum, das den Beginn des Anthropozäns festlegt, müssen starke Botschaften verbunden werden, die zu formulieren nicht nur geowissenschaftlichen Experten überlassen werden darf. Zumindest aber müssen im Gefolge dieser Datumsfestlegung groß dimensionierte, interfakultativ konzipierte Kampagnen verbunden werden, zum Beispiel festgemacht an Nietzsches umgreifender Frage nach dem Sinn der Erde.

Dass der Mensch in die natürlichen Kreisläufe der Erde eingreift wie kein Wesen vor ihm, ist evident. Sollte deshalb ein Erdzeitalter nach ihm benannt werden?
Die bisherigen Zeitalter der Erde wurden anhand der Abfolge der geologisch und tektonisch gewachsenen Schichten klassifiziert

In seiner Wirklichkeit, der Gesamtheit aller menschlichen Einwirkungen auf den Planeten Erde, ist das Anthropozän ein negativ besetzter Begriff, quasi begleitet von einer „Heuristik der Furcht“ (Hans Jonas). Denn die Menschheit könnte defi niert werden als Gesamtheit aller von einer menschenbewirkten Katastrophe betroff enen Menschen – bis hin zur Auslöschung der Gattung. Insofern wäre mit dem geowissenschaftlichen Begriff „Anthropozän“ nicht zuletzt der Appell zu transportieren, dass der Mensch nicht außerhalb oder gar über der Natur steht, sondern ein Teil von ihr ist. Und dieser „renaturierte“ Mensch muss sich vor Augen führen, dass er eben nur einen Wohnort im weiten Weltenall hat. Der Sinn der Erde kann denn auch nur darin bestehen, Wohnort des Menschen, Wohnort aller Menschen zu sein. Verbunden mit der Verpfl ichtung, für deren gedeihlichen Fortbestand Sorge zu tragen  und damit jene mit  dem Anthropozän verbundenen so gut wie durchweg negativen Wirkungen zumindest zu relativieren.

„HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS“

Als Verantwortender ist der Mensch in erster Linie ein in die Zukunft Schauender, auch und obwohl de facto in seiner Verantwortung immer quasi rückblickend „historisch“ gemessen an bereits beantworteten Fragen oder bereits gefällten Entscheidungen.

Das ist evident, darf uns aber nicht davon abhalten, Künftiges verantwortungsbewusst in den Blick zu nehmen. Die Frage nach dem Sinn der Erde etwa hat eine weit in die menschheitliche Historie zurückreichende Tiefendimension, kann aber in der erdgeschichtlichen Epoche des Anthropozäns nur unter Einbezug des Zukünftigen sinnvoll thematisiert werden. Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ vor fünfh undert Jahren zum Beispiel hatte eine verantwortungsethische Implikation, die in der Gegenwart und weit in die Zukunft nachwirkt. Wir brauchen eine neue Reformation. Nutzen wir also die Diskussion um die Einführung des Anthropozäns in die  geowissenschaftliche Terminologie, um der beschädigten Welt der Gegenwart Perspektiven eines wahrhaft humanen Erdzeitalters aufzuzeigen. Denn der Begriff Anthropozän taugt nicht zuletzt und vor allem als moralische Maxime.

Der Begriff Anthropozän schärft nicht nur den Blick für die zerstörenden Ablagerungen des Menschen, sondern auch für seine Verantwortung als Teil der Natur

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