Der eine fährt Mist, …

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„Der eine fährt Mist, der andere spazieren…“

Wir leben in einer ungerechten Welt. Und die Wirkmacht dieser Ungerechtigkeit, ob wir dies wahrhaben wollen oder nicht, haben wir selbst zu verantworten: unter Gesichtspunkten einer umfassenden Verantwortungsethik im Sinne Max Webers sind wir Versager. Denkanstöße zu einem anstößigen Thema in Zeiten sich beständig wandelnder Werte.
Von Kurt E. Becker

Das ist neu in der Geschichte der Menschheit: der Einzelne verantwortlich für das, was geschieht und wie etwas geschieht im Sozialwesen der Vielen. Partizipation, Teilhabe des Individuums am Gemeinwesen, ist das Prinzip der Demokratie – und die ist gleichbedeutend unserer persönlichen Freiheit, Gerechtigkeit zu verwirklichen, und gleichbedeutend unserer persönlichen Verpflichtung, Ungerechtigkeit zu verhindern. Kein Gott mehr in Sicht, dem wir den je akuten Skandal ungerechter Wirkmechanismen in die Schuhe schieben können. Wir sind Ankläger und Angeklagte in jeweils gleichen Maßen.

 

Die bizarren Auswüchse der Ungerechtigkeit werden nicht zuletzt in jenem Bereich deutlich, der unser zivilisiertes Leben bestimmt wie kein zweiter: in Arbeit und Wirtschaft. Ja, unsere kapitalistisch geprägte Arbeits- und Wirtschaftswelt ist ungerecht. Einige Beispiele dieser Ungerechtigkeit:

  • Die Globalisierung der Wirtschaft benachteiligt sozial Schwache und bevorteilt sozial Privilegierte
  • Mit der Globalisierung einher geht der Konflikt zwischen den reichen Ländern auf der Nordhalbkugel und den armen auf der Südhalbkugel der Erde
  • Die Chancengleichheit von Frau und Mann im Berufsleben ist ein nirgendwo auf der Welt realisierter Idealzustand
  • Die Geld- und Machteliten bleiben weitestgehend unter sich, ein sozialer Aufstieg von sozial Unterprivilegierten gelingt selten
  • Bildung allgemein und die Verfügbarkeit von Bildungseinrichtungen zur Qualifizierung im Berufsleben ist für sozial Unterprivilegierte häufig eine unüberwindbare Hürde
  • Last not least – um mit Wilhelm Busch zu sprechen: „Der eine fährt Mist, der andere spazieren, das kann zu nichts Gutem führen“.

Diese Beispiele gehen einher mit einem fundamentalen Wertewandel, der sich speziell bei den Heranwachsenden im Verlauf der letzten 40 Jahre vollzogen hat. Waren die sogenannten 68er noch unterwegs für soziale Gerechtigkeit auch in der Arbeitswelt, so ist zum Beispiel die Hip-Hop-Generation an einem einzigen Leitsatz orientiert, der die Wirklichkeit unserer Gesellschaft abbildet wie kaum ein zweiter: Get rich or die trying, gleich womit oder wodurch. Essentiell lebensbestimmend ist der Reichtumserwerb genauso wie das mögliche Scheitern beim Versuch, Reichtum zu erwerben: Erschossen werden beim Bankraub etwa oder Tod durch Herzinfarkt haben durchaus vergleichbare Qualitäten. Materieller Reichtum ist alles – und alles wert: auch den Einsatz oder den Verlust des eigenen Lebens.

Demokratisierung der Ansprüche

Nun ist die Verabsolutierung von Gelderwerb und Reichtum in der Geschichte der Menschheit nicht neu. Neu allerdings ist die Demokratisierung der Anspruchshaltung – derart mit dem Gleichheitsgrundsatz der französischen Revolution quasi Ernst machend,  ihn als Wert in unserem Bewusstsein etablierend. Hinter jedem „Wert“ steckt aber ein bestimmtes „Bild vom Menschen“ – wesentlich in zwei Essentialien zum Ausdruck kommend: Hier das Individuum, dessen Hoch-Zeit seit der Renaissance gefeiert wird, dort das Sozialwesen, dessen Verortung nach dem Scheitern von „realem Sozialismus“ und „realem Kommunismus“ schwer fällt. Sicher ist nur, dass die mit diesen Menschenbildern verbundenen Werte in einem steten Kampf auch in Fragen der Gerechtigkeit stehen. Und zwar während der gesamten Menschheitsgeschichte. Und der Lärm dieser Schlacht klingt durch die Jahrtausende hindurch – von Buddha und Sokrates bis hin zu Marx, Nietzsche und Steiner. Unsere Zeit und unsere Hemisphäre freilich hat praktisch einen eindeutigen Sieger auf den Schild gehoben – den Kapitalisten. Dessen Wirklichkeitskonzeption scheint „alternativlos“, mit Max Weber zu sprechen: „Die schicksalhafteste Macht unseres modernen Lebens.“

Aber deswegen auch alternativlos? Auch wenn der einzelne „hineingeboren wird“ in diesen „ungeheuren Kosmos“ der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, vergleichbar einem „ehernen Gehäuse der Hörigkeit“, so bleibt ihm die Chance des Ausstiegs oder der Versuch, bestimmende Stellschrauben in diesem System neu zu justieren. Zum Beispiel bei der Frage nach der Arbeit: Ist ihr tatsächlich ausschließlich das Geldverdienen? Des Lebens Sinn erfüllt mit der Anhäufung von materiellen Gütern? Gerechtigkeit verwirklicht im gleichen Lohn für vergleichbare Leistung?

Worüber also sprechen wir?

„Arbeit“ im Verständnis unseres speziellen Gerechtigkeits-Themas ist bezahlte, abhängige, ganztägige und außerhäusliche Vollerwerbstätigkeit, in ihrem Entstehen untrennbar verbunden mit der Industrialisierung, in ihrer aktuellen Befindlichkeit Hätschelkind des Sozialstaats und seiner Funktionäre, die sich mit dem vielbeschworenen „Recht auf Arbeit für alle“ freilich schon immer überheben. In ihrem Kern wäre Erwerbstätigkeit letztlich reduzierbar auf die physikalische Formel von „Leistung“: Kraft mal Weg durch Zeit. Entsprechend ist das „kapitale“ Signum dieser Erwerbsarbeit eine möglichst hohe Effektivität in möglichst kurzer Zeit.

Die hinter all dem stehenden quasi naturrechtlichen Fragen sind aber ganz andere: Warum haben es die einen nötig, für die Erhaltung ihrer Existenz zu schuften – und die anderen nicht? Warum wird der Erbe eines Familienunternehmens steuerlich besser gestellt als der Gründer eines Unternehmens? Warum kann der eine sein Geld arbeiten lassen? Und warum muss der andere für Geld arbeiten?

Ökonomie der Mäßigung

Diese Fragen werden seit Hobbes in Gesellschaftsverträgen geregelt und gehen einher mit der stets legitimen Frage, ob und inwieweit der jeweils gültige „Gesellschaftsvertrag“ einer Überarbeitung bedarf. Hinter der Frage nach der Legitimität des Gesellschaftsvertrags stehen nämlich Werte, die – um mit Nietzsche zu sprechen – „gesetzt“ oder aber zertrümmert werden können. Denn der Mensch ist der Werte-Setzer und der Werte-Zertrümmerer. Insbesondere auch, wenn es um Gerechtigkeit im Erwerbsleben geht. Die Gerechtigkeitsidee des Dauerarbeitslosen steht hier gleichberechtigt neben der des Dauererben. Die der Jungen neben der der Alten. Die des Mannes neben der der Frau. Die des Einheimischen neben der des Flüchtlings, letzterer unserem Thema noch einmal eine besondere Dimension verleihend.

Wenn wir freilich die großen Zusammenhänge in den Blick nehmen, kann unser Arbeiten aber auch dem Erhalt unserer Welt und dem gedeihlichen Fortbestehen der Gemeinschaft der Vielen in ihr dienen. Dazu bedarf es eines steten Fragens und Hinterfragens von Gerechtigkeit mit all ihren Implikationen. Denn nur dann, wenn wir die Frage nach einer gerechten Welt speziell in unserem Erwerbsleben nicht aus dem Blick verlieren, finden wir auch einen Ausweg aus der Kapitalismusfalle.

Tomáš Sedláček etwa setzt der „bösen Ökonomie“ des unbegrenzten Egoismus der Moderne die „gute“ der „Mäßigung“ im Sinne unserer Vorfahren entgegen. In seiner „natürlichen Wirtschaftsordnung“ prangert Silvio Gesell, Rousseau vergleichbar, den Grundbesitz als Ursache aller Ungerechtigkeit an und fordert die Abschaffung aller ererbten Rechte. Und in einem posthum zur Veröffentlichung anstehenden Manuskript schreibt Hans-Bernd Hellerbach, einer der Gründer der „Spiegelrunde“, ähnlich wie manch anderer Gegenwartsdenker „Grundeinkommen für alle“ auf seine Gerechtigkeitsfahne.

Voraussetzung für die Verwirklichung aller Gerechtigkeitsideen freilich ist der modus vivendi unseres Wirtschaftslebens. Denn dem Vertrauensmissbrauch folgt notwendig der Vertrauensverlust. Und ganz zweifellos ist die Gerechtigkeitskrise in unserem Wirtschaftsleben auch eine Vertrauenskrise, geschuldet generell ungenügender Kommunikation und speziell dem Ausblenden aller gesetzlichen und moralischen Regeln – siehe Dieselgate oder Banken.

Kehren wir also zunächst einmal vor unserer Kapitalismus-Haustür, indem wir dem ehernen Grundgesetz einer „offenen Gesellschaft“ (Popper) Genüge tun und eine offene Kommunikation pflegen. Ehrlich, konsequent und eine umfassende Transparenz der Fakten im Blick. Denn „good communication“ bildet die Voraussetzung von „good governance“. Eine gute Führung ist immer eine gerechte Führung – nicht zuletzt  im Arbeitsleben. Mit seiner „Verantwortungsethik“ schwingt Max Weber auch in Gerechtigkeitsfragen den Taktstock. Deren Maximen nämlich sind die Voraussetzung für die Verwirklichung von Gerechtigkeitsideen in einer offenen Gesellschaft.

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